Frigga Haug: Wozu um Zeit kämpfen?

Am 29. Januar des Jahres 2009 unterschrieb der neu gewählte afroamerikanische Präsident der Vereinigten Staaten auf den so viele Hoffnung setzten, sein erstes Gesetz, das die gleiche Bezahlung bei gleichem Lohn unabhängig von Geschlecht, Rasse, Religion, Alter regelt. Es trägt den Namen Lilly Ledbetter, nach der Frau, die dafür lange gekämpft hatte. Sie hat in neunzehn Arbeitsjahren etwa 155.000 Euro wegen Ungleichbezahlung bei gleicher Arbeit verloren, die Rentenverluste noch nicht eingerechnet, die ihr nach dem neuen Gesetz nachgezahlt werden mussten. Es ist gut, solche Ungleichheit einmal nicht in Prozenten (weltweit verdienen Frauen immer noch 23 % weniger als Männer), sondern in Geldsummen ausgedrückt zu bekommen und Personen sich dazu vorstellen zu können. Es stärkt der Sieg die Hoffnung, dass wir alle etwas tun und gewinnen können, dass sich also etwas bewegen lässt. Es ist eine praktische Übersetzung des „Yes, we can“, mit dem Obama Hegemonie bekam[1], d.h. die Menschen aufrütteln und begeistern konnte, dass sie wieder an sich glaubten.

Wir in Deutschland sind zugleich bewegt und können müde abwinken. Denn wir wissen schon, dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit unsere Parole in den 1960er und 70er Jahren gesetzlich festzuschreiben nicht genügt, um die Spanne zwischen Frauen- und Männerlöhnen nachhaltig zu verringern oder gar abzuschaffen. Es gibt andere Tricks, die Lohnungleichheit durchzusetzen. Zum Beispiel durch die zahlreichen Kriterien, mit denen der Lohn bei ungleicher Arbeit so festgelegt ist, dass die geringere Bezahlung immer die Frauen trifft. Offenbar genügen die einzelnen Korrekturen nicht, um das Ungleiche auszugleichen, sodass wir eine Stufe höher klettern und mehrere Stufen zurück, um von lange her und übergreifend darüber nachzudenken, woher eigentlich diese Hartnäckigkeit in der größeren Missachtung von Frauenarbeit kommt.

Als Friedrich Engels vor 170 Jahren durch England reiste und seinen Bericht über die arbeitende Klasse schrieb – der für Marx` Kapital viel Stoff hergab –, stieß er auch von verschiedenen Seiten aus auf die Arbeit der Frauen in der Fabrik und Zuhause.  Er kam nach Auswertung einer Vielzahl von Statistiken zu dem Ergebnis, 1839 seien in den englischen Fabrikindustrien mindestens zwei Drittel der Arbei­tskräfte Frauen gewesen. Er nannte dies eine „Verdrängung männlicher Arbeiter“, eine „Umkehrung der sozialen Ordnung“, die zur Auflösung der Familie und Verwahrlosung der Kinder führe. Dabei reflektierte er zunächst die geschlechtliche Arbeitsteilung nicht weiter, ein Umstand, der ihn dazu führte, die Arbeiterschaft als genuin männlich zu denken (so MEW 2, S. 367f, S. 465). Es ist lehrreich zu sehen, wie er die Zustände beschreibt: „In vielen Fällen wird die Familie durch das Arbeiten der Frau nicht ganz aufgelöst, sondern auf den Kopf gestellt. Die Frau ernährt die Familie, der Mann sitzt zuhause, verwahrt die Kinder, kehrt die Stuben und kocht. Dieser Fall kommt sehr, sehr häufig vor […] Man kann sich denken, welche gerechte Entrüstung diese tatsächliche Kastration bei den Arbeitern hervorruft.“ (S. 369) Wenig später entdeckt er, dass bei gesellschaftlicher Teilung von außerhäuslicher und häuslicher Arbeit unabhängig vom jeweiligen Geschlecht der häusliche Akteur vom außerhäuslichen beherrscht wird. Das erfasst eine Grundlage herrschaftlicher Geschlechterverhältnisse. Doch Engels gibt die Empörung über die Lage der Fabrikarbeiterinnen wesentlich mit Kategorien der Moral (Sittenverderb) wieder. Dies erschwert es, den Zusammenhang als Effekt kapitalistisch ausgebeu­teter spezifischer Geschlechterverhältnisse zu sehen. Er fährt fort: „Und doch ist dieser Zustand, der den Mann entmannt und dem Weibe seine Weiblichkeit nimmt, ohne imstande zu sein, dem Manne wirkliche Weiblichkeit und dem Weibe wirkliche Männlichkeit zu geben, dieser, beide Geschlechter und in ihnen die Menschheit aufs schändlichste entwürdigende Zustand die letzte Folge unserer hochgelobten Zivilisation.“ S. (371)

Die sorgfältige Lektüre der Klassiker ist immer lehrreich. Man sieht sie in die verrücktesten Fallen tappen – wie hier Engels mit Mann und Weib – und kann sogleich an der eigenen Empörung erkennen, wo man selber ebenfalls nicht weit genug gedacht hat, wie man dem metaphysischen Mann-Weib-Denken entkommen kann, ohne dass in der Kritik am Stuben kehrenden Mann und seiner Kastration liegende Befreiungspotenzial auch für uns zu verspielen. Folgen wir Engels also mit Humor, denn auch er erkennt schließlich, „dass die Geschlechter von Anfang an falsch gegeneinander gestellt worden sind. Ist die Herrschaft der Frau über den Mann, wie sie durch das Fabriksystem notwendig hervorgerufen wird, unmenschlich, so muss auch die ursprüngliche Herrschaft des Mannes über die Frau unmenschlich sein“ (MEW 2, S., 371). Das Problem verortet er in der Gütergemeinschaft mit ungleichen Beiträgen. Er schlussfolgert, dass esdas Privateigentum sei, das die Beziehungen der Geschlechter zersetze. Umgekehrt denkt er die proletarische Fami­lie, weil eigentumslos, als herrschaftsfrei. Der Gedanke wirkte als ethisches Ideal in der Arbeiterbewegung. Als Aussage über ein tatsächliches Hier und Jetzt war er allezeit kontraproduktiv. Er verfehlt theoretisch die Funktion der Arbeitsteilung zwischen Haus und Fabrik und damit die Rolle der Geschlechterverhältnisse für die Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft.

Versuchen wir also der Hartnäckigkeit, mit der sich Frauenbenachteiligung in Erwerbsarbeit und ihrer Einschätzung und Entlohnung über Jahrhunderte hält, anders auf die Spur zu kommen. Wenden wir uns dem so aufdringlichen Befund der Arbeitsteilung im Großen der Gesellschaft zu. Nennen wir nicht das eine Arbeit, sobald es außer Haus geschieht, und das andere gar nicht oder eben geringschätzig Hausarbeit, sofern es im eignen Heim stattfindet, sondern rücken ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit, wie eigentlich die menschlichen Tätigkeiten insgesamt zueinander gestellt sind.  Naheliegend sehen wir bei der Frage nach Geschlecht und Frauenarbeit die eigentümliche Positionierung, die der Produktionssektor im umfassenden Sinn gegenüber dem der Reproduktion hat. Im letzteren geht es direkt um  menschliches Leben, Geburt und Aufzucht, Sorge für Behinderte und Kranke, für Alte, um das Wohlbefinden von Menschen, ja, auch um die Wiederherstellung der Natur. Dies aber erscheint unter kapitalistischen Verhältnissen als marginal, unwichtig, als Störfaktor oder als hoffentlich abnahmebereiter Konsumbereich. Über ihm bläht sich der Produktionssektor auf, in dem die Lebensmittel hergestellt und mit ihm der Dienstleistungssektor, in dem u.a. ihre Verteilung organisiert werden, und wird bestimmend  (wir abstrahieren hier von der Komplizierung, die durch die Existenz eines separaten Finanzsektors Krisen verstärkend hinzukommt). Der „Produktions“-Sektor wird dominant, weil in ihm Profite gemacht werden, die Ziele kapitalistischen Wirtschaftens sind. Zugleich ist kein Leben ohne Lebensmittel, insofern bilden die beiden Bereiche einen „Trennungszusammenhang“. Keiner kann ohne den anderen. Die Grenzen um die Bereiche sind scharf gezogen und bewacht. „Wo man arbeitet, ist man nicht zuhause, und wo man zuhause ist, arbeitet man nicht“, konnte Marx bei der Analyse der entfremdeten Arbeit sagen und fasste so das Auseinander von Kräfteverausgabung in der Lohnarbeit und Zielfindung im häuslichen Glück. Der Satz regte Feministinnen auf, weil sie natürlich sehr wohl wussten, dass zuhause gearbeitet wird, wenn auch nicht so sehr von Männern. Die feministische Kritik verfehlte damals, dass der Satz vornehmlich dem Trennungszusammenhang galt. Arbeit sollte so sein, dass man in ihr sich zuhausefühlenkönnte und das Zuhause so sein, dass sinnvolle Arbeit stattfände – das hätte beides geändert, die Arbeit und das Heim und vor allem die Gewohnheit, sie einander entgegenzusetzen, es hätte also die Durchquerung der Grenzen empfohlen.

Der Blick auf das Zueinander, besser die Über- und Unterordnung der Bereiche von Produktion und Reproduktion kann die Geschlechterfrage und die Hartnäckigkeit der Frauenbenachteiligung in den gesellschaftlichen Verhältnissen verorten und festhalten: Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse (vgl. ausführlich F. Haug, Geschlechterverhältnisse in HKWM). Die umfassende Schlussfolgerung ist: Zwei einander überlagernde Herrschaftsarten bestimmen den Fortgang der Geschichte: die Verfügung einiger über die Arbeitskraft vieler in der Lebensmittelproduktion und die Verfügung der (meisten) Männer über weibliche Arbeitskraft, Gebärfähigkeit und den sexuellen Körper der Frauen in der ›Familie‹. Das widersprüchliche Ineinander bewirkt, dass die Entwicklung des Gemeinwesens zugleich mit der Zerstörung seiner Grund­lagen voranschreitet, gestützt und getragen durch Geschlechterverhältnisse, in denen aus Herrschaftsgründen das sozial Überformte als Natur behauptet und mit der Natur die sinnlich-körperliche Substanz unterworfen wird. Vereinfacht: solange eine Gesellschaft die Frage ihrer Reproduktion nicht gesellschaftlich geregelt hat, wird Frauenbenachteiligung hartnäckig fortbestehen. Sie ist dafür vielfältig moralisch abgesichert.

Aber unser Blick hat sich von der Fixierung auf Erwerbsarbeit gelöst, indem auch Reproduktionsarbeit nunmehr als Arbeit diskutiert wird. Haben wir erst den Blick über die Erwerbsarbeit erweitert auf die Tätigkeiten in der Reproduktion, können wir auch erkennen, dass es darüberhinausTätigkeiten gibt, die wir zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit rechnen möchten, um eine andere Teilung von Arbeit vorschlagen zu können. Jeder Mensch weiß, dass Lernen eine anstrengende Arbeit ist. Sie ist nicht die einzige, die uns aus dem Blick geraten ist. Da ist insgesamt die Arbeit an sich selbst, die Wahrnehmung der Möglichkeit, alle menschlichen Fähigkeiten, die jedem Individuum innewohnen, zu entfalten. Hier geht es auch darum, das eigene Leben zu gestalten und sich nicht einfach in den Konsumbereich abschieben zu lassen, als wäre Konsument eine mögliche Individualitätsform. Die Entfaltung eigener schöpferischer Möglichkeiten ist ein Ziel, das in der Diskussion um Frauenbenachteiligung in Arbeit und Lohn überhaupt noch nicht vorkommt. Und doch weiß ein jeder, dass die Geschichtsbücher wimmeln von den Taten und Künsten ‚großer Männer’, nicht von Frauen, und wundert sich nicht genug. Und doch weiß man auch auf den zweiten Blick, dass die Überforderung, die durch das leicht gesprochene „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ entsteht, auf jeden Fall dazu führt, dass an so etwas wie kreative künstlerische Betätigung, wie Musizieren oder Malen, Tanzen oder Dichten, Theaterspielen oder Singen usw. überhaupt nicht einmal zu denken ist. Vom lebenslangen Lernen schon gar nicht zu sprechen. Wir wollen es skandalisieren, dass so viele Menschen, insbesondere weibliche, ihr Leben nicht wirklich ausschöpfen können.  Die Darstellung menschlicher Tätigkeiten nach Bereichen stößt ein weiteres Mal darauf, dass es Grenzen und Arbeitsteilungen gibt und dass die einzelnen Frauen diese Grenzen einhalten und ihre Lebensweise entsprechend ausrichten. Diszipliniert in den ersten beiden Bereichen von Beruf und Familie, die je einzeln schon andere Verhaltensweisen verlangen, bemerken sie, dass sie sich den Bereich eigener Entfaltung nicht leisten können. Er ist Luxus, den Frau sich für die Zeit „danach“ aufhebt. Dass die einzelnen Bereiche diszipliniert beschränkt bleiben, dafür sorgen Normen und Werte, also Moral mit entsprechend nach Innen genommenen Verhaltensregeln: Keine Kinder und kein Sex am Arbeitslatz, Hausarbeit geschlechtlich zugeordnet (siehe Engels) und Selbstentwicklung als Luxus, den sich nur Reiche leisten können, deren Maßstäbe weder in der Erwerbsarbeit noch in der Familie etwas zu suchen haben.

Dass diese Bereiche so getrennt wahrgenommen und ihre Grenzen geschützt werden, dafür sorgt umfassend die einschneidende Trennung der Politik vom übrigen gesellschaftlichen Leben. Spätestens in der Weltwirtschaftskrise  fällt als ungeheuerliche Trennung und praktisch als Katastrophe in das Leben der Einzelnen, dass die Gestaltung der Gesellschaft eine eigene arbeitsteilige Funktion ist, ein Geschäft für Spezialisten, in das sich die ‚kleinen’  Menschen nicht einmischen sollten.  Die Trennung der Ökonomie von der Politik, als hätte das Eine mit dem Anderen nichts zu tun, ist Grundlage dafür, dass die vielen Menschen in einer Gesellschaft leben, für die sie unbefugt sind,  und deren Ungerechtigkeiten sie passiv ertragen müssen.

Damit dies nicht so bleibt, ist nachhaltige Umordnung angesagt. Im Projekt „Die Vier-in-einem-Perspektive“ habe ich historisch verankert ausgearbeitet, dass Politik aus der Frauenperspektive heute auch heißt, die vier Tätigkeitsbereiche zusammenzufügen, die Grenzen zwischen ihnen einzureißen, die entsprechenden Haltungen zu ändern.

Es geht also darum, die Arbeit der Herstellung von Lebensmitteln im weiteren Sinn (heute in der Form der Lohn- oder Erwerbsarbeit geregelt), die den Anteil am gesellschaftlichen Reichtum sichern soll, ebenso als Menschenrecht zu behaupten, wie die Teilhabe an der Arbeit an Menschen und an Natur (heute als Reproduktionsarbeit bezeichnet), die  Entwicklung eigener vielfältiger Fähigkeiten als Anstrengung und als Genuss und vor allem die politische Betätigung. Das Projekt  ist ein Eingriff ins Zeitregime der alltäglichen Lebensweise, in die Vorstellung von Gerechtigkeit, die auf die Teilung der Gesamtarbeit bezogen ist, ein Eingriff ins Konzept  der Menschenwürde, die sich auf erfülltes Leben bezieht und damitaufhört, eine bloß moralische Kategorie zu sein, und ein Eingriffin die Vorstellung von Demokratie, die nicht auf der Basis von bloßer Stellvertreterpolitik denkbar ist, sondern als Beteiligung aller am politischen Leben der Gesellschaft.

Es ist zugleich ein Projekt der Aneignung  und Fortentwicklung von Luxemburgs „revolutionärer Realpolitik“. Es verbindet eine Perspektive – das integrierte Leben in allen vier Bereichen – mit Realpolitik. Insofern erhöht es die politische Handlungsfähigkeit in den alltäglichen Kämpfen um Reformen, bindet sie aber jeweils ein und verändert sie durch Ausrichtung auf die umfassende Perspektive.

Vom Standpunkt des gesamten Lebens und seiner menschlichen Führung wird Leitlinie in der Politik um Arbeit zum Einen die notwendige Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle auf ein Viertel der aktiv zu nutzenden Zeit, also etwa  auf vier Stunden täglich. Perspektivisch erledigen sich auf diese Weise Probleme von Arbeitslosigkeit (wir haben dann weniger Menschen als Arbeitsplätze) mitsamt Prekariat und Leiharbeit und Werkverträgen. So gesehen gehen Alle gehen einer Teilzeitarbeit nach, bzw. der Begriff hat aufgehört, etwas sinnvoll zu bezeichnen. Wir können uns konzentrieren auf die Qualität der Arbeit, ihre Angemessenheit für die Entwicklung der menschlichen Wesenskräfte.

Zum anderen versteht es sich von selbst, dass alle Einzelnen über ein ausreichendes Einkommen zum Leben verfügen und dass sie ebenso in jedem der vier Bereiche sich betätigen: in der Erwerbsarbeit, in der Sorgearbeit um sich und andere, in der Entfaltung der in ihnen schlummernden Fähigkeiten, schließlich im politisch-gesellschaftlichen Engagement. Probeweise kann man dies auch so ausdrücken, dass jeder Mensch in die Lage versetzt wird, sein Leben so einzurichten, dass er oder sie je vier Stunden in jedem dieser Bereiche pro Tag verbringt. Das ist nicht dogmatisch zu verstehen,als ob man mit der Stechuhr in der Hand von Bereich zu Bereich gehen müsste, in keinem mehr genügend zuhause. Vielmehr wird man, sobald man anfängt, die eigene Lebensführung unter diesen Dimensionen zu fassen, schnell bemerken, dass die Grenzen nicht fest sind, die Bereiche einander durchdringen und innerlich zusammenhängen. Die Aufteilung in vier mal vier Stunden ist mithin als ein Modell zu verstehen, das wie ein Kompass Strategien der Veränderung entscheidend orientieren kann. Für die Reproduktions-Familienarbeit bedeutet dies zuallererst eine Verallgemeinerung. So wie niemand aus der Erwerbsarbeit ausgeschlossen sein kann, so auch nicht aus der Reproduktionsarbeit – alle Menschen, Männer wie Frauen, können und sollen hier ihre sozialen menschlichen Fähigkeiten entwickeln. Das erledigt den Streit ums Erziehungsgeld, ohne die Qualität der Arbeit, die hier geleistet wird, abzuwerten; ja, im Gegenteil, jetzt erst, in der Verallgemeinerung, statt in der alleinigen Zuweisung auf Frauen und Mütter, kann der allgemeine Anspruch verwirklicht werden, dass diese Arbeit qualifizierte Arbeit ist und also erlernt werden muss, wie andere Arbeit auch. Die vielen Meldungen über misshandelte und verwahrloste Kinder legen hier ein beredtes Zeugnis ab.

Das Konzept sieht eine Verlängerung des tätigen Lebens auf etwa 16 Stunden am Tag vor und damit zugleich eine rigorose Verkürzung des Erwerbstages auf etwa 4 Stunden, um den anderen Dimensionen, die zum lebendigen Menschen gehören, Raum zu erstreiten. Perspektivisch kann so keiner arbeitslos sein, Haus- und Reproduktionsarbeit sind Teil jeden Lebens, wie die politische Einmischung und die Entfaltung möglicher Fähigkeiten und das lebenslange Lernen lustvolle Verwirklichung des Menschseins sind. Dies ermöglicht zugleich, die Bereiche nicht gegeneinander auszuspielen, sondern  die Verknüpfung der Bereiche als notwendige Grundlage einer emanzipatorischen Politik zu fassen, und Vorstellungen, nur einen Bereich lösen zu wollen, selber als reaktionär und dumm zu begreifen. Das verbietet einseitige Lösungen wie die, um Mutter und Kind zu streiten, zeigt aber deren Recht im Gesamten. Es löst die Arbeitslosigkeitsfrage durch rigorose Verkürzung der Erwerbsarbeit für alle – was ökonomisch möglich ist. Es löst die Fragen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von einseitiger Arbeitsteilung und plant vor allem die politische Einmischung als Menschenrecht ebenso wie die Entwicklung aller menschlichen Möglichkeiten…

Die vier Politiken zusammengenommen ergeben eine andere Vorstellung und Forderung von Gerechtigkeit. Von dieser aus stellen sich fast alle brennenden Fragen neu und anders.[2]

In dieser Vier-in-Einem-Perspektive tauchen die Frauen anders auf als üblich – diesmal an Schlüsselstellen. Die Perspektive kann vom Standpunkt der Frauen her formuliert werden, weil sie es sind, die den Reproduktionsbereich, also den Standpunkt des Lebens, so wichtig nehmen, dass sie ihn nicht vergessen können bei der Planung des Lebens; sie sind es zugleich, die den Erwerbsarbeitsbereich nicht so wichtig nehmen, dass sie ihn allein für das Zentrum halten können; es ist dringlich, dass sie mit der Selbstaufopferung aufhören und ihre eigene Entfaltung in eigne Hände nehmen; sie müssen sich in die Politik einmischen, weil sie für die Gestaltung ihres und anderer Leben „den Staat von unten nach oben umkehren“ müssen – so Brecht (1930/1967, S. 830).

Die Verknüpfung der vier Bereiche zielt  auf eine Politik und zugleich eine Lebensgestaltung, die zu leben umfassend wäre, lebendig, sinnvoll, eingreifend, und lustvoll genießend. Natürlich, dies ist eine Perspektive, nicht von heute auf morgen durchsetzbar ist. Aber sie  kann als Kompass dienen für die Bestimmung von Nahzielen in der Politik, als Maßstab für unsere Forderungen, als Basis unserer Kritik, als Hoffnung, als konkrete Utopie, die alle Menschen einbezieht und endlich die Entwicklung eines jeden Einzelnen zur Voraussetzung für die Entwicklung aller macht.

Nachtrag: Die unruhige Frage

Immer wieder werden wir gefragt, wer denn das bezahlen solle, wenn plötzlich alle Menschen ihre in der Lohnarbeit verbrachte Zeit halbieren würden. Die Frage steht unbeirrt auf einem durch und durch unterwühlten und also haltlosen Grund und will nichts aus der Geschichte lernen. Sie nimmt nicht zur Kenntnis, dass die Entwicklung der Produktivkräfte so rasant fortgeschritten ist, dass, würde man klar denken und rechnen weit weniger als die Hälfte nötig ist, um die gesellschaftlich notwendige Arbeit zu leisten. Was nicht gelöst ist, ist die gesellschaftliche Nutzung dieser eingesparten Arbeitszeit und ein Terrain politischer Kämpfe ist, was gesellschaftlich notwendig ist. Vorläufig dient die eingesparte Arbeitszeit zur Maximierung der Gewinne der Kapitaleigner und ihres Personals, die für das viele Kapital nicht genügend gewinnträchtige Bereiche mehr finden und also von Krise zu Krise stürzen. Unter anderen Kräfteverhältnissen, also anderer gesellschaftlicher Regulation wäre es also eine einfache und gerechte Sache, die eingesparte Arbeitszeit an diejenigen zurückzugeben, die in Lohnarbeit tätig sind. Die Frage aber, wer zahlen solle, setzt unbeirrt noch auf anderes, nämlich auf die Existenz von Arbeitslosen, vormalige Lohnarbeitende, die ja überschüssig werden, wenn die Arbeitszeit nicht verkürzt wird und die nun ungerecht bekämen, was andere erwirtschaften. Kurz: die Frage stammt aus der bürgerlichen Wirtschaftsrechnung, die am Kapitalismus festhalten wird, ungeachtet aller Beweise, dass es so nicht weitergeht, dass also das kapitalistische Modell der Gesellschaftsregulation selbst in eine Sackgasse geraten ist. Die Frage kommt zudem aus einer historisch überlebten Zeit, in der die Armen und „Überschüssigen“ verhungern und verkommen sollten, es also überhaupt keine soziale Absicherung gab. Kurz, diese hartnäckige Frage tut so, als ob es in unseren Gesellschaften tatsächlich üblich wäre, dass alle, die aus der Lohnarbeit fliegen, keine Existenzmöglichkeit mehr hätten. Die Frage also sollte sich an dieser Stelle belehren lassen, dass sie um die Höhe der Existenzsicherung streiten muss und zugleich darum, dass alle einen Lohnarbeitsplatz haben, die gesellschaftliche Hilfe also gar nicht erst in Anspruch genommen werden muss. Und in alledem wird sie sich auch noch der Frage stellen müssen, was eigentlich ein gutes Leben für alle sein kann, wird den Fragen von Wachstum und Konsum kritisch entgegenhalten, dass zum menschlichen Glück nicht die Warenvielfalt und immer mehr Konsum gehört, sondern die Endlichkeit der Ressourcen und der Raubbau an der Bewohnbarkeit der Erde die gemeinsame alternative Gestaltung des gesellschaftlichen Leben bedürfen. Spätestens bei dieser umgreifenden Sorge wird die Frage nach dem „wer soll es bezahlen?“ beschämt erkennen, dass sie zu kurz gedacht hat und die Verantwortung nicht nur die Bezahlung betrifft, sondern vielmehr umfassender nicht nur der Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums, sondern dem Überleben der Menschheit und der Erde gelten muss. Sie sollte demnach lauten: Ist die Vier-in-Einem-Perspektive ein möglicher Aufbruch in ein Leben, in dem nicht nur alle gut leben können, sondern zudem auch das Gute demokratisch von allen gewollt und den Möglichkeiten der Erde angemessen ist?


[1] Dies wiederum ist aus dem Film Bread and Roses, der den unwahrscheinlichen Zusammenschluss und schließlichen Sieg von Arbeiterinnen im Reinigungsdienst festhält.

[2] Ich habe das Modell der Vier-in-Einem-Perspektive für die Tagung des „Frauenaufbruchs der Linken in Esslingen“, November 2007 ausgearbeitet und mit den fundierenden Texten aus 30 Jahren frauenpolitischer wissenschaftlicher Arbeit zusammengestellt zu einem Buch, das 2008 (3A 2011) im Argument-Verlag unter dem nämlichen Titel erschienen ist.

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