Schneewittchen rechnet ab – im World-Café – von Afriyie Adwiraah

Im zweiten Teil der Tagung fand ein „World-Café“ statt, in welchem die Teilnehmer_innen das Thema Ökonomie aus drei ganz verschiedenen Perspektiven beleuchten konnten. Ulrike Schramm-de Robertis, Llanquiray Painemal und Elisabeth Voß stellten jeweils ihre Themen bzw. ihre Arbeit in einer kleineren Gruppe vor, in der anschließend diskutiert werden konnte. Ergebnisse aus diesen Gesprächen konnte dann von den Teilnehmer_innen mit in die nächste Gruppe getragen werden, so dass sich interessante Anknüpfungspunkte und Parallelen ergaben. Leider reichte die Zeit nur für zwei World-Café Besuche aus, so dass wir uns für zwei Themen entscheiden mussten.

Respekt bei Lidl?

Die Reise durch das World-Café beginnt bei mir mit Ulrike Schramm-de Robertis, Autorin und freiberufliche Schulungsreferentin für Betriebsräte und Arbeitnehmer_innen. Ulrike Schramm-de Robertis gründete einen der ersten Betriebsräte bei Lidl und ist gleichzeitig Leiterin einer Lidl Filiale.
Sie erzählt uns Teilnehmer_innen anschaulich davon, wie es früher bei Lidl zuging, von Mobbing, sexueller Belästigung und Arbeit die krank machte. Vierzig Prozent der Frauen, die mehr als zehn Jahre bei Lidl gearbeitet hatten, hatten schwere gesundheitliche Probleme, verursacht durch harte körperliche Arbeit, wie bespielsweise die Arbeit im Lager und das Verrücken von Paletten. Dazu kamen äußerst niedrige Löhne und ein sehr schlechtes Arbeitsklima. Dinge, die im Tarifvertrag geregelt waren, wurden einfach nicht eingehalten, die Mitarbeiter_innen machten haufenweise unbezahlte Überstunden.

Die schlechten Arbeitsbedingungen bei Lidl gingen vor ein paar Jahren durch die Presse und ich erfuhr, dass in dieser Zeit auch insgesamt fünf Betriebsräte gegründet wurden. Fünf Betriebsräte in fünf Lidl-Filialen, das ist nicht besonders viel bei über 40.000 Beschäftigten. Trotzdem hat sich, seitdem es Betriebsräte bei Lidl gibt, sehr viel verbessert am Arbeitsklima, nicht zuletzt durch die Öffentlichkeitsarbeit der Betriebsräte. Letztendlich war es der gesellschaftliche Druck, der das Unternehmen zum Umschwenken bewegte. Tarifverträge werden nun eingehalten, dazu gehören bezahlte Überstunden und ein Mindestlohn von zehn Euro pro Stunde. Im Vergleich zu anderen Discountern, wo manchesmal nur sechs Euro pro Stunde gezahlt werden, ist das ein großer Erfolg, sagt Ulrike Schramm-de Robertis, für sie ist Lidl nach 6-7 Jahren des Kampfes der Betriebsräte, zum fairsten Arbeitgeber unter den Discountern geworden.

Die Gründung von weiteren Betriebsräten, die die Position der Mitarbeiter_innen stärken könnten, ist allerdings ein Problem, erfahre ich dann überraschender Weise. Denn Betriebsräte werden weiterhin nicht gerne gesehen beim Lidl Konzern. Es war ein regelrecht aufreibender Kampf, der mit viel Mobbing einherging, den ersten Betriebsrat zu gründen, erzählt Ulrike Schramm-de Robertis. Viele seien von den Erfahrungen der Betriebsratsgründer_innen regelrecht abgeschreckt und würden sich nun mit dem Erreichten zufrieden geben. Weiter Betriebsräte werde es wohl erst geben, falls sich die Arbeitsbedingungen wieder verschlechtern sollten.

Mir kommt der Gedanke, dass ich dieses Phänomen kenne. Auch das Thema Feminismus und Frauenbewegung ist nicht zu letzt für viele kein Thema mehr, weil sich viele mit dem Erreichten zufrieden geben. Wie die Lidl Mitarbeiter_innen motiviert werden könnten, sich zu organisieren, fragen wir uns. Leider kommen wir nicht mehr zu einer tiefergehenden Diskussion, weil die Zeit in der Gruppe schon um ist, und wir nun zu einem anderen Tisch und einem anderen Thema wechseln. Das ist das Konzept eines World-Cafés und so setze ich mich an den nächsten Tisch zu Llanquiray Painemal von RESPECT Berlin.

Gewerkschaft und Hausarbeit?

RESPECT ist ein Zusammenschluss von lateinamerikanischen und deutschen Frauen, die sich für die Rechte von Migrantinnen in der bezahlten Hausarbeit stark machen. Das Ziel der Frauen ist es sich zu organisieren, Migrantinnen über ihre Rechte aufzuklären und besser zu informieren, und zwar unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, z.B. über Mindestlöhne und Arbeitsverträge oder auch über das Vorgehen vor Gericht.
Hierfür gibt es einmal im Monat ein Treffen, zum Erfahrungsaustausch und Netzwerken, außerdem finden Informations-Workshops statt.

Das Netzwerken, das ist der Hauptaspekt der Arbeit von RESPECT, wird deutlich. Die Zusammenarbeit der Frauen, die teilweise ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland leben und arbeiten, funktioniert nur über die Community und das Vertrauen untereinander. Es gibt, abgesehen von den monatlichen Treffen, keine große Öffentlichkeitsarbeit oder einen Verwaltungsapperat. Informationen und Tipps aus der eigenen Erfahrung werden untereinander weitergegeben. Jede unterstüzt jede, z.B. bei der Job- und Wohnungssuche oder der Kinderbetreuung. Die Informationen werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda weitergetragen und auch das monatliche Treffen spricht sich so herum, ohne groß angekündigt zu werden.

Seit 2009 gibt es eine Kooperation mit Verdi. Es war ein langer Weg, bis Verdi sich überhaupt zu einer Zusammenarbeit bewegen ließ, sagt Llanquiray Painemal, und auch jetzt läuft es eher schleppend und es passiert nicht viel.

Die Unterstützung von Verdi beschränkt sich auf die Bereitstellung eines Raumes für die monatlichen Treffen. Außerdem gibt es noch eine Beratungsstelle zu Arbeitsfragen, die allerdings nur zwei Beratungstermine im Monat anbietet. Hauptsächlich wird hier beim Verfassen von Anschreiben an den_die Arbeitgeber_in unterstüzt, z.B. wenn Löhne nicht ausgezahlt wurden.

Es ist schwierig, Verdi dazu zu bewegen, sich mehr für die Interessen der Migrantinnen einzusetzen. Gleichzeitig ist es für Migrantinnen ohne ein geregeltes Arbeitsverhältnis oft schwierig, Mitglied bei Verdi zu werden. Meistens werden ihnen bürokratische Hürden in den Weg geschoben, z.B. die Voraussetzung eines eigenen Bankkontos.
Es gibt nur wenige Menschen bei Verdi, die für die Problem der Migrantinnen sensibilisiert sind. Die meisten schreckt das Thema „Schwarzarbeit“ und Illegalität ab, die Frauen und ihre Lebensrealität dahinter sehen sie gar nicht.
Die politische Forderung, für die sich auch Verdi einsetzen sollte, wäre die Aufhebung der Illegalität, „Papiere für alle“, aber damit kann Verdi nichts anfangen, sagt Llanquiray Painemal. Den Migrantinnen dagegen fehlen auch oft die Ressourcen, um dafür zu kämpfen, dass sie gehöhrt werden. Um sich zu organisieren und zu kämpfen braucht man Zeit, Energie und vor allem Selbstbewußtsein. Doch das bleibt häufig auf der Strecke, wenn der Status der Illegalität auf einem lastet und die Arbeit die man leistet wenig gesellschaftliche Anerkennung erfährt, geschweige denn eine angemessene Bezahlung.

Was würde denn helfen, wie kann ich helfen? Fragt eine Teilnehmerin. Die Antwort ist, dass das es zwei Ebenen gibt, auf denen Unterstützung stattfinden kann: Die politsche Ebene, in der das Thema Hausarbeit nach Außen hin einfach viel sichtbarer gemacht werden muss. Mehr Wertschätzung für diese Arbeit wäre wichtig und damit einhergehend natürlich eine bessere Bezahlung. Doch es gibt auch eine praktische Ebene, über die Hilfe geleistet werden kann. Hilfe, wie sie auch bereits innerhalb des RESPECT Netzwerkes stattfindet. Unterstützung z.B. durch alternative, solidarischere Lebensformen, wie z.B. gegenseitige Kinderbetreuung oder auch Bankkonten, die gemeinsam geführt werden, wären denkbar.

Wie ließe sich Hausarbeit aufwerten? Das ist eine weitere Frage, die aufkommt. Im Moment lässt sich eher eine Verlagerung dieser wenig Anerkennung bringenden Arbeit beobachten. Frauen hierzulande machen sich durch die zunehmende Berufstätigkeit von dieser Arbeit frei. Doch das Problem wird eigentlich nur an die Haushaltshilfe, die dann die Arbeiten zu einem niedrigen Lohn erledigt, weitergeschoben.

Wir enden in unserer Diskussion damit, dass die Probleme und Lösungen für eine Ökonomie aus feministischer Perspektive nicht national sondern weltweit gedacht werden müssen.

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