Schneewittchen rechnet selbst – ohne sieben Zwerge – von Afriyie Adwiraah

Teppich

Künstlerische Intervention
Krarque & Jamari?

Zwei Frauen* bahnen sich ihren Weg durch einen riesigen Teppich aus Löchern und Fetzen. Zu Beginn scheinen sie Wert darauf zu legen, dass alles in geordneten Teppichbahnen liegt. Sorgsam wird der Teppich ausgelegt und in Form gebracht. Doch dann steigen sie ein. Es scheint, als wollten sie durch jede Lücke, die sich ihnen bietet schlüpfen. Oder ziehen sie sich den Teppich über, wie ein riesengroßes Gewand? Immer mehr verstricken sie sich und können sich am Ende kaum bewegen, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten. Sie mühen sich redlich, keuchen erschöpft, kämpfen, wollen weiter, bewegen sich aufeinander zu, kommen sich nahe und behindern sich doch gegenseitig und am Ende fallen sie, sind zu verstrickt in das Gewirr, das sie selbst um sich herum gebildet haben. Dann fällt der Ausstieg überraschend leicht, der Teppich wird schnell wieder entwirrt und abgelegt. Beiden haben sich befreit und zurück bleibt nur ein Haufen Teppich.

Open Space – Gute Arbeit, wie geht das aus feministischer Perspektive?

Bei einem Open Space werden die Themen spontan von den Teilnehmer_innen eingebracht. Jede_r kann sich dann entscheiden, welches Thema ihn_sie am meisten interessiert und sich einer Gruppe anschließen, die das Thema dann gemeinsam diskutiert.

Die Themen, die beim Open Space bearbeitet wurden waren folgende:

– Bedingungsloses Grundeinkommen aus feministischer Perspektive
– Gestaltung der Arbeitswelt. Gute Arbeit, wie geht das aus der feministischen Perspektiv?
– Umverteilung. Beispiel Umverteilungskonten in der Praxis
– Krise und Proteste
– Frauendorf – Ins Tun und Umsetzen kommen
– Dekolonialer Aspekt und feministisches Selbstverständnis

Ich entschied mich für den Workshop „Gute Arbeit, wie geht das aus feministischer Perspektive?“

Thema hier war der Index „Gute Arbeit“, der seit 2007 jährlich vom DGB veröffentlicht wird. Dieser oft zitierte Index wurde gemeinsam von DGB und Einzelgewerkschaften entwickelt und soll die Arbeitsqualität in Deutschland und in den Betrieben aus Sicht der Beschäftigten beschreiben.

Die Leitlinie des DBG, was Gute Arbeit ausmacht, liest sich so:
„Der Mensch hat ein Recht auf Gute Arbeit. Ein Recht auf eine Arbeit, in der er Wertschätzung und Respekt erfährt. Ein Recht auf Arbeitsbedingungen, die er auch als abhängig Beschäftigter mitgestalten kann. Ein Recht auf eine Arbeitsgestaltung, durch die seine Gesundheit und seine Persönlichkeit gefördert werden. Ein Recht auf ein Arbeitsentgelt, das seiner Leistung gerecht wird und ihm ein Leben in Würde ermöglicht.“

So weit so gut. Schneewittchen rechnet ab, doch anscheinend haben hier nur die sieben Zwerge gerechnet. Beim Erstellen des Indexes „Gute Arbeit“ wurde die Perspektive von weiblichen Arbeitnehmern weitgehend vernachlässigt. Was Gute Arbeit ausmacht, basiert auf Fragen zu unterschiedlichen Aspekten der Beschäftigung, die Arbeitnehmer_innen gestellt wurden. Doch was sind das für Fragen, wenn Aspekte, die besonders Frauen* betreffen, nicht mitgedacht bzw. nur am Rande erwähnt werden? Beispielsweise kommen sexuelle Übergiffe und Mobbing im Index nicht vor. Leiharbeitsverhältnissse, Mini-Jobs, die meist von Frauen* ausgeübt werden, kommen ebenfalls im Index nicht vor.

In dem Workshop „Gute Arbeit, wie geht das aus feministischer Perspektive?“ haben wir uns deswegen selbst die Frage gestellt, was gute Arbeit für uns persönlich bedeutet. Wie sähe ein Arbeitsleben aus, welches wir selbst als gut bewerten würden.
Zunächst war es uns wichtig, den Arbeitsbegriff auszuweiten, da er, nur auf die jetzige Erwerbsarbeit beschränkt, viel zu kurz gefasst ist und wichtige Bereiche des Lebens ausblendet. Hierzu zählen zum Beispiel Sorgearbeit und Reproduktionsarbeit, wie Pflege und Betreuung von Kindern und Angehörigen oder unbezahlte Hausarbeit, politische Arbeit, künstlerische Arbeit, Entwicklung von neuen Ideen, die Weiterentwicklung des eigenen Selbst und vieles mehr.

Jede_r Teilnehmer_in in der Gruppe machte sich dazu eigene Gedanken und hielt sie auf einer Karte fest, so dass wir am Ende eine große Sammlung von Dingen hatten, die Gute Arbeit aus feministischer Perspektive beschreiben.

Wichtig war den Teilnehmer_innen der Einfluss auf das Produkt ihrer Arbeit. Die Tätigkeit sowie ihr Produkt sollte sinnvoll sein. Produkte sollten außerdem sozial und ökologisch nützlich sein, Menschen, Tiere und Umwelt sollten geschützt und nicht ausgebeutet werden.
Die Arbeit sollte den eigenen Interessen entsprechen, bzw. bei der Arbeit sollte keine Entfremdung von den eigenen Interessen stattfinden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Anerkennung, die Menschen für ihre Tätgikeit erfahren.
Arbeit sollte außerdem abwechslungsreich sein und keine Monotonie aufkommen lassen.
Es sollte keinen Zeitdruck geben, etwas in einer bestimmten Zeit zu produzieren.
Arbeit sollte existenssichernd sein und daher spielte auch die Sicherheit des Arbeitsplatzes eine wichtige Rolle.
Arbeit sollte mobbingfrei und sein und geschützt vor sexueller Gewalt.
Es sollte Zeit da sein für neue Ideen. Ideen sollten der Ideen wegen entstehen können und nicht auf Innovationsdruck hin.
Arbeit sollte genügend Freiräume für andere Dinge lassen. Es sollte auch möglich sein, die eigene Arbeitskraft mehreren unterschiedlichen Interessen parallel zu widmen.
Notwendige aber unangenehme Arbeiten sollten solidarisch aufgeteilt und nicht deligiert werden.

Nach der Betrachtung der oben genannten Punkte, die von den Teilnehmer_innen genannt wurden, gingen wir in die Diskussion. Welches wichtige Aspekte bei der Betrachtung von Arbeit sind, kann je nach Perspektive sehr unterschiedlich ausfallen. In der Diskussion innerhalb der Gruppe kristallisierte sich heraus, dass in unserer Gesellschaft häufig eine gut bezahlte Arbeit als „gute Arbeit“ angesehen wird, während aus feministischer Perspektive die Sinnhaftigkeit der Arbeit eine viel größere Rolle spielen sollte.

Bei der Erstellung des DGB-Indexes wurde diese Perspektive jedoch außer Acht gelassen. Wesentlich Fragen wurden den Teilnehmer_innen bei den Umfragen gar nicht gestellt. Daraus schlossen wir, dass Frauen* anscheinen bei traditionellen Gewerkschaftsverbänden, wie so oft bei ökonmischen Fragen, ausgeblendet und nicht mitgedacht werden. Wie eine Diskussionsteilnehmerin bemerkte: „Der Index wird ständig zitiert, aber nicht kritisiert.“
Am Ende des Workshops waren sich die meisten einig, dass sie sich in dieser Richtung weiter engagieren wollten. Da der Zeitrahmen auf der Tagung zu eng war, wurde beschlossen, ein Folgetreffen zu organisieren, bei dem dann ein besserer Index für „Gute Arbeit“ und zwar aus feministischer Perspektive erarbeitet werden könnte.

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