Anders denken, anders kämpfen. Recherche I: das Sensible, das Analytische Kunst und (feministischer) Aktivismus – von Adele Bouvattier

Spieglein,
Spieglein,
sag mal bitte,
bevor in knapp 10 Stunden Schneewittchen zu Ende abrechnet: was
siehst Du wenn ich mich in Dir anschaue – ich, als Teil des
Publikums –? Sehe ich etwas anderes als das, was Du mir zu sehen
gibst? Wie glaubst Du, dass sich in Dir die Frau im schwarzen
Hosenanzug dort, mit dem Kohlkopf, sah? Ja, die von der allerersten
Performance des Tages, Ökonomie und Kunst: Recherche I. Sie
ist Joy Harder, freischaffende Künstlerin und Performerin.

Ich meine,
denkst Du es gibt eine Chance, dass die Zuschauer_innen dasselbe
sehen, wie die Kunstpolitaktivistin bei der Vorbereitung ihres
Vortrags im Spiegel gesehen hat, und deswegen denkt, dass das
Publikum sehen wird?

Nein, es geht
nicht darum, wie schön sie ist, und ob sie gefällt; ich denke
nicht, dass mensch deshalb da vorne stehen will, auch nicht wenn
mensch eine Frau ist. Ja, Du denkst an Unterhaltung und ich an einen
politischen Vortrag. Und ja, doch, das kann Kunst auch sein! Wie? Es
geht nicht um Verführung, es geht um klarheit der Kommunikation.

Joy Harder, die
Frau mit dem schwarzen Hosenanzug, habe ich vielleicht anders
gesehen, als sie sich im Spiegel gesehen hatte, aber ich bin mir
sicher, sie wusste, dass die Gegenstände, die sie auf die Bühne
mitbrachte, von mir und allen anderen Zuschauer_innen erkannt werden
würden. Gute Basis für eine kommunikative Zusammenarbeit. Außerdem:
vereinfachte Kommunikation plus mehr Raum für die eigene
Interpretation, also sowohl Vereinfachung als Bereicherung.
Reduktion,
so die Aktivistin. Ich zitiere lieber:

„Reduktion
I. Performancekunst basiert – in der Abwendung vom Kunstmarkt –
geradezu auf dem Prinzip der Reduktion. Sie erhält dadurch eine
gewisse Anschaulichkeit: Die Objekte oder Materialien erhalten eine
Aufwertung. Reduktion heisst: Anreicherung. Strategie: Wertsteigerung
oder Wachstum durch Schrumpfung“

Auf dieser
Basis inszenierte dann Joy Harder ihre Umwandlung vom Menschen in
einen Gegenstand.
Und weiter:

„Reduktion II. Performer und Objekt sind gleichermaßen
Material des künstlerischen Prozesses. Diese Annahme, angewandt auf
den Alltag, würde bedeuten: einen unglaublich großen Respekt und
eine ungeheuer intensive Auseinandersetzung mit
Gebrauchsgegenständen, deren Herkunft, Produktionsbedingungen und
Repräsentationsmacht.“

Die inszenierte
Umwandlung begleitete ein performativ aus einzelnen
Vortragsabschnitten zusammengesetzter wissenschaftlicher Vortrag –
darum der Anzug, und die auf ein Flipchart aufgelisteten
theoretischen Punkte, die die Darstellerin nacheinander vorstellte
und erklärte – oder auch nicht. Ein Vortrag, der durch das Machen
und das Agieren des Publikums, das der Performerin Gegenstände
reichte oder auch in Aktionen eingriff und diese unterbrach, belebt
werden sollte – und wurde. Weil Joy Harder es schaffte, eine nicht
nur passive emotionale und akustische sondern auch aktive körperliche
Interaktion mit dem Publikum entstehen zu lassen.

Den Inhalt des
Vortrags will ich hier nicht ausführlich wiedergeben. Spannend und
am wichtigsten fand ich, wie geschickt sich Joy Harder zwischen zwei
traditionell getrennten Welten bewegte und über ihre Erfahrungen und
Reflexion berichtete, nämlich die Welt der Performancekunst und die
von der Marktlogik dominierten Welt.

Durch das
Eintreten in die von der Marktlogik dominierte Welt mag die
Performancekunst versuchen, diese und deren Logik zu ändern, doch
scheint es eher zu geschehen, dass sie in diese Marktlogik integriert
wird und an Subversionspotential verliert. Also das Gegenteil dessen,
was ich mir als Aktivistin wünsche. Utopisch wurde es trotzdem, und
zwar bei Punkt 14: „Gefährdung“. Die Gefährdung des
eigenen Körpers in der Performancekunst, und die in den
Widerstandsbewegungen. Vielleicht auch diejenige, die durch das
Eintreten in die Welt der Marktlogik für die Künstlerin und für
die Kunst selbst entsteht. Harder plädierte aber fürs Weitermachen:

“ (…) Nicht weil für den Künstler andere Regeln gelten,
sondern weil diese für alle gelten sollten. Gegen die totale
Zweckgebundenheit und Optimierung allen Tuns.“

Auf der Tagung
wurden die künstlerischen Interventionen ebenso prominent platziert
wie wissenschaftliche Interventionen, die sonst meist als wichtiger
erachtet werden – wo künstlerische Interventionen oft an den Rand
der Veranstaltung gedrängt werden…

Das wurde bei
„Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes
Leben, Arbeiten und Produzieren
anders gedacht und
umgesetzt, und das finde ich gut.

Im Rahmen der
Veranstaltung wurde der bekannte Satz zitiert: „Probleme kann
man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden
sind
“.

Es irritiert
mich immer wieder, dass ein besonderer Mann für diesen Ausspruch
verantwortlich gemacht wird. Ich denke, er war weder die letzte noch
vor allem die erste Person, die so gedacht hat und es so formuliert
hat. Ich revanchiere mich also hier ein bisschen, indem ich hier
seinen Namen nicht nenne. Trotzdem fasst dieser Satz gut zusammen,
worum es sowohl in Joy Harder’s Intervention, als auch bei der ganzen
Tagung ging: um die Suche nach Alternativen und neuen Wegen. Das sah
ich bei der Tagung geschickt miteinander verknüpft. Es geht um die
Art, mit der wir mit Problemen umgehen.

Im politischen
oder aktivistischen wissenschaftlichen Feld werden das Rationale, das
Emotionale und das Körperliche getrennt, was meiner Meinung nach zur
Folge hat, dass der rationale Diskurs weder von den Akademiker_innen
auf den Podium noch jedem/-r im Zuschauerraum wirklich angeeignet
werden kann. Das jedoch kann Performancekunst bzw. politisch
reflektierte Kunst schaffen.

Die Kunst AG
Kongressvorbereitungsteam für den 2011 stattgefundenen Kongress
„Jenseits des Wachstums“hat diese Möglichkeit der Kunst
in ihrem Manifest so formuliert:

„Künstlerische Artikulationen brechen eingefahrene kulturelle
Wahrnehmungsgewohnheiten auf, machen Ungesehenes sichtbar und
eröffnen neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes. Sie schaffen so
Möglichkeitsräume, Neues und Anderes zu denken und zu fühlen,
arbeiten mit an der Kreation neuer kultureller Sinnangebote und
eröffnen Menschen die Möglichkeit, sich von dominanten
Wahrnehmungs- und Kommunikationsmustern zu befreien.“

Um den als
rational kategorisierten Diskurs der Wissenschaftlter_innen eine
reale und alltägliche, sprich konkrete Dimension zu geben, muss eine
erkennbare (emotionale) Erfahrung von diesem Diskurs angestoßen oder
mit ihm verbunden werden, die die Aneignung erlaubt. Sonst bleibt der
Diskurs im Raum, wo er stattgefunden hat.

Der Wandel eigener kultureller
Wertvorstellungen und Handlungsmuster ist kein ausschließlich
rationaler Prozess. Unsere Lebens- und Denkweisen sind im Laufe einer
langen Sozialisationsgeschichte Teil unserer Körper geworden. (…)
Soll es zu grundlegenden Veränderungen unseres Wertesystems kommen,
dann muss dieser Wandel von Lernprozessen begleitet werden, in denen
der Umgang mit unseren Gefühlen und unserem Körper eine zentrale

Rolle spielt. Indem er über das rationale Erfassen hinaus auch eine
emotionale Verbindung zu den zu behandelnden Themen herstellt,
fördert künstlerischer Ausdruck solche Lernprozesse.“

In die

„…Richtung einer neuen Kommunikationskultur, einer Kultur,
welcher ein ganzheitlicheres Bild vom Menschen zugrunde liegt, einer
Kultur, die unterschiedliche Formen von Wissensproduktion
gleichberechtigt nebeneinander bestehen lässt und in einen Dialog
bringt. Ein ganzheitlicheres Menschenbild ist, in Abkehr von immer
noch dominanten Diskursen vom homo oeconomicus, zugleich eine
notwendige Voraussetzung für neue und inspirierende Antworten auf
die Frage, welche Werte es sein könnten, nach denen wir in Zukunft
unser Leben ausrichten.“

Ende des Tages.
Die Tagung endete wie sie begonnen hatte mit einer künstlerischen
Intervention, diesmal von Bibiana Arena, Schauspielerin, Tänzerin,
Regisseurin, Autorin und Produzentin, die sonst psychophysische
Workshops um Körper- und Stimmausdruck gibt, und als Tanztherapeutin
auch aktiv ist.

In ihrer
Intervention öffneten sich Türen in fast alle Themenrichtungen, die
sonst bei der Tagung gefehlt haben. Was ich eine schöne Einladung
fand, dieser Tagung eine weitere folgen zu lassen. Ein Tag ist extrem
knapp, die möglichen Schwerpunkte und Orientierungen für so eine
Veranstaltung sind viele.

Und ist es
nicht eben die Rolle eines Schlusses, das Perspektiven- und
Fragestellungsfeld zu erweitern – als Einladung, die Motivation
nicht zu verlieren, die Komplexität der ausgesuchten Themen positiv
darzustellen und die Arbeit fortzusetzen? Ich habe die Performance
von Bibiana Arena als lichtvollen und frischen Luftzug mit
ansruhenden menschlichen Dimensionen erlebt. Im Kopf noch das Bild
der Künstlerin mit dem Apfel in der Hand vorm Spiegel stehend und
grinsend, kam ich zwar müde, aber doch enthusiastisch, aus der
Tagung. Mit dem Gefühl, dass der Kampf an starken Kämpferinnen
keinen Mangel hat, um eine fruchtbare und erfolgreiche Suche nach
Wegen aus der Krise und zu einer Gesellschaft jenseits des Wachstums
und des Patriarchats zu führen.

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