Gemeinsam leben, gemeinsam umverteilen – von Nadine Lantzsch

„Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren“ hieß das Motto der Tagung „Schneewittchen rechnet ab“. Beim abendlichen Open Space bekam dieses Motto den vielleicht größten Raum: Die Teilnehmenden konnten Themen und Perspektiven vorschlagen, über die sie sich mit anderen Teilnehmenden gerne austauschen wollten. Auf Expert_innenwissen kam es dabei nicht an. Jede Idee war es wert, dem Publikum vorgeschlagen zu werden. Neben postkolonialen Perspektiven auf Feministische Ökonomiekritik, unterschiedlichen Standpunkten zum Bedingungslosen Grundeinkommen sollten auch Frauendörfer und Umverteilung im eigenen Alltag Thema sein.

In kleinen Gruppen verteilten sich die vorgeschlagenen Themen über die gesamte Etage und jeder_m stand es frei, sich für wenige Minuten dazuzusetzen, sich mit eigenen Wortbeiträge einzubringen oder schlicht nur zuzuhören. Jede Person konnte über Art und Dauer ihrer Partizipation beim Open Space selbst entscheiden.

Utopien leben: Frauendörfer

Eine Teilnehmerin wollte mit anderen über die Möglichkeit und Umsetzbarkeit eines Frauendorfes nachdenken. Durch Landflucht vor allem – aber nicht nur – in den ostdeutschen Bundesländern sind viele Dörfer kaum mehr bewohnt. Die leerstehenden Häuser eignen sich daher wunderbar für die Verwirklichung eigener Utopien eines schöneren Lebens in der Gemeinschaft. Zusammen wurde frei von Zwängen überlegt, was sich jede vorstellen kann. Folgende Fragen waren den Teilnehmerinnen wichtig: Was verspricht sich jede von dieser Art des Zusammenlebens? Welche materiellen und immateriellen Güter kann sie ein- bzw. mitbringen? Welche Tätigkeiten sind Aufgabe der Gemeinschaft, was hat jede selbst zu leisten?

Den Teilnehmerinnen war es ein Anliegen, dass sich eine neue Gemeinschaft, die in ein halb verlassenes Dorf ziehen möchte, die bereits vorhandenen Strukturen würdigt und versucht, sich in diese zu Integrieren. Integrationsarbeit könnte die neu hinzugezogene Gemeinschaft zum Beispiel dadurch leisten, indem sie Sorgearbeit für Ältere übernimmt oder Waren vor Ort kauft, um die lokale Wirtschaft zu unterstützen. Auch die Eröffnung eines eigenen Ladens wurde in Betracht gezogen. Weiterhin könnte die neue Gemeinschaft das Dorf- bzw. kommunale Leben bereichern, indem sie sich lokalpolitisch betätigt und neue Impulse für die gesamte Dorfgemeinschaft oder die Kommune setzt. Auch Ökologische Aspekte waren den Teilnehmerinnen ein Anliegen: so gering wie möglich sollte die Natur durch den Zuzug neuer Bewohnerinnen in Anspruch genommen werden. Über alternative Bauweisen wurde nachgedacht, nicht jede ließe sich allerdings mit deutschem Baurecht vereinbaren.

Das Frauendorf soll nach Möglichkeit kein zeitlich begrenztes Projekt bleiben, sondern an nachfolgende Generationen weitergegeben werden oder durch Fluktuation von Bewohnerinnen aufrecht erhalten werden. Dabei ging es auch um die Frage persönlicher Konflikte: Wie kann eine Kultur geschaffen werden, in der sich jede jederzeit willkommen und wertgeschätzt fühlt, wie können Widersprüche ausgehalten werden, die sich nicht lösen lassen, ohne dass das Projekt „Frauendorf“ gefährdet ist? Eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt: eine solle sich nicht abschrecken lassen von Utopien. Jedes noch so ferne Ziel sei mit Willenskraft in einer bestimmten Form erreichbar. Über Utopien nachzudenken, heiße nicht, lediglich Gedankenspielerei zu betreiben, sondern ein besseres Leben für möglich zu halten und danach zu streben.

Utopien finanzieren: Gemeinschaftskonten

In der Gruppe, die über Umverteilungsmöglichkeiten im eigenen Alltag nachdachte, ging es ähnlich kreativ zu. Einen Einstieg ins Thema bildete das Gemeinschaftskonto der Prolo-Lesben Anfang der 1990er Jahre. Jede konnte dort anonym einzahlen und abheben, ohne rechtfertigen zu müssen, wofür sie das Geld brauchte. Einzige Bedingung war, dass ein bestimmter Grundstock auf dem Konto verbleiben musste, frau konnte ja nie wissen. Jede zahlte eigenverantwortlich und nach ihren finanziellen Möglichkeiten auf das Konto ein. So funktionierte das Gemeinschaftskonto mindestens zwei Jahre bis es aufgelöst wurde, weil sie sich die Gruppe auflöste.

Ähnliche Ideen gibt es heute auch noch: Gemeinschaftskontos in größeren Wohngemeinschaften, von denen Miete, Lebensmittel und materielle Dinge für den Haushalt bezahlt werden und die Höhe der Einzahlungen abhängig ist von der finanziellen Situation jeder Person. Denkbar sind auch Gemeinschaftskonten, die nicht an eine Wohngemeinschaft gebunden sein müssen und die dazu dienen sollen, autonome politische Projekte in regelmäßigen Abständen zu bespenden. Weiter wurde über die Möglichkeit nachgedacht, gemeinsame Erbschaftskonten einzurichten, um an Umverteilungsprozessen im Kleinen mitzuwirken.

Auch die Idee des Frauendorfes ließe sich mit einem Finanzierungsplan realisieren, der die unterschiedlichen ökonomischen Situationen und Positioniertheiten von Frauen mitdenkt: Unabhängig der finanziellen Situation jeder Frau kann diese Teil des Projektes werden. Die gerechte Ausbalancierung von Ressourcen und Bedürfnissen stehen im Vordergrund. Feministische Ökonomie für ein besseres Leben!

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